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Bearbeitet & klinisch überprüft vom THE BALANCE Team
Fakten geprüft

Von einem Entzug spricht man in der Regel immer dann, wenn eine Person eine Abhängigkeit oder eine Sucht entwickelt hat und diese überwunden werden soll. In der Medizin versteht man unter “Entzug” den freiwilligen oder unfreiwilligen Verzicht auf Substanzen, die eine Abhängigkeit oder Sucht ausgelöst haben und bei deren Absetzen es zu einem Entzugssyndrom kommen würde. Man spricht ersatzweise gelegentlich auch von einer Suchtbehandlung oder von einer Entgiftung. 

Je intensiver die Wissenschaft und Forschung dem Phänomen der Entstehung einer Sucht oder Abhängigkeit versucht auf den Grund zu gehen, desto weniger ist eine eindeutige wissenschaftliche Ursache in Sicht.
 Scheinbar wirken immer zahlreiche Faktoren nebeneinander bei der Entstehung einer Sucht zusammen.  Auch die Persönlichkeit des Betroffenen, sein soziales Umfeld, die Art der Droge und deren Verfügbarkeit spielen eine entscheidende Rolle.

Um die Behandlung mit allen Phasen richtig zu verstehen ist es wirklich wichtig zu wissen, wie eine Abhängigkeit entsteht und im Körper wirkt. Nur so kann ein ganzheitlicher und erfolgversprechender Therapieplan erstellt und umgesetzt werden. Außerdem müssen die Voraussetzungen für einen Zug und dessen erfolgreichen Abschluss verstanden werden.

Was ist die wichtigste Voraussetzung, um einer Sucht zu entkommen? Der wichtigste Schritt ist die Einsicht des Betroffenen selbst – süchtig zu sein. Dann muss der starke Wunsch entwickelt und gestärkt werden, die Abhängigkeit zu beenden. Meist läuft dieser Prozess in den Schritten ab 1) Erkennen der Sucht, 2) Anerkennung der Notwendigkeit etwas zu tun und 3) Entwicklung des Wunsches oder der Bereitschaft konkrete Schritte zu unternehmen.  

Entzugsklinik Deutschland

Auch das Verhalten von Familienangehörigen, Freunden oder Kollegen kann entscheidend dazu beitragen, dass Betroffene diese 3 wichtigen Schritte beschreiten und letztlich einen Entzug beginnen und schaffen. Leider trägt aber gerade das Verhalten von Angehörigen oder Freunden nicht dazu bei, vor allem wenn klar abhängiges, süchtiges Verhalten bewusst ignoriert, verschweigen oder gedeckt wird. 

Die Vorstellung auf die “Droge” zu verzichten ist für Betroffene erst einmal unvorstellbar – ganz egal, ob es sich um Verzicht auf eine Substanz wie Alkohol, Nikotin handelt oder eine Gewohnheit wie Computerspielen oder Einkaufen. 

Warum ist das so? Bisher hat die Sucht ja einen großen Bereich des Lebens eingenommen und bestimmt. 

Es liegt in der Natur einer Abhängigkeit oder einer Sucht, dass es nicht einfach ist aus eigenen Kräften davon wieder loszukommen. Besonders wenn ein Entzug aller Voraussicht mit starken körperlichen Symptomen einhergehen wird, ist professionelle Hilfe besser. Warum? Wenn starke Symptome behandelt und gemildert werden, ist die Versuchung einen Entzug abzubrechen ja auch niedriger. 

Es spricht also grundsätzlich nichts dagegen, zu versuchen, aus einer Abhängigkeit aus eigenen Kräften auszusteigen. Gerade bei Nikotinsucht oder Spielsucht haben viele Betroffene das erfolgreich gemeistert – vor allem, wenn Ihre Abhängigkeit nicht viele Jahre bereits verfestigt war. 

Dennoch muss in den allermeisten von Abhängigkeit und Sucht zu einer professionellen Therapie oder Beratung geraten werden. Die Erfolgsaussichten werden stark erhöht, der Verlauf verkürzt und oft auch schmerzhafte Entzugs-Nebenwirkungen etwas gemildert. 

In der Regel wird die Finanzierung eines Entzugs von der Krankenkasse übernommen. 

Beratungsstellen

Eine gute Anlaufstelle für Betroffene oder Familienangehörige sind auch Beratungsstellen, die inzwischen ja auch in jeder größeren Stadt zu finden sind. Viele haben weniger Hemmungen hier mit einem Berater zu sprechen als gleich zu einem Arzt oder eine Klinik zu laufen. Beratungsstellen können wichtige Informationen zur Selbsthilfe geben, aber sie kennen in der Regel auch alle weiteren regionalen Angebote und Adressen von Selbsthilfegruppen, aber auch Fachärzten und Kliniken.

Selbsthilfegruppen können eine gute Anlaufstelle sein, wenn die Sucht noch nicht sehr stark ausgeprägt ist und gleichzeitig ein starker Wille zum Aufhören bei einem Betroffenen vorhanden ist. Außerdem sind Selbsthilfegruppen oft die ideale Unterstützung, um nach einem erfolgreichen Entzug keinen Rückfall zu erleben. Beratungsstellen können hier oft Kontaktdaten vermitteln. Eine sehr bekannte Selbsthilfegruppe sind zum Beispiel die AA (Anonymen Alkoholiker). 

Ambulante Behandlung

Ein Entzug kann auch in Form einer ambulanten Behandlung begleitet werden. Wie läuft eine ambulante Behandlung ab? Betroffene vereinbaren mit einem Therapeuten, in der Regel ein Arzt, Psychiater oder Psychotherapeut, einen individuellen auf Ihre Abhängigkeit abgestimmten Behandlungs- und Therapieplan. Damit auch nach Überwindung der Sucht und des dazu führenden Verhaltensmusters kein Rückfall eintritt, wird die Entzugs-Therapie meist über einen langen Zeitraum auch nach Abschluss des Entzugs fortgesetzt. Eine ambulante Behandlung kann auch als Anschluss-Therapie nach einer einem Klinikaufenthalt zum Entzug durchgeführt werden. 

Stationäre Behandlung 

Eine stationäre Entzugs-Behandlung erfolgt überwiegend dann, wenn es sich um Abhängigkeiten wie Alkohol- oder Drogensucht handelt oder um andere Süchte, wenn diese bereits über einen längeren Zeitraum sehr stark ausgeprägt sind. Warum? Weil in solchen Suchtfällen eine ständige Betreuung und Beaufsichtigung des Entzugs durch erfahrene Ärzte angezeigt ist. Durch die hohe Wahrscheinlichkeit des Auftretens von starken körperlichen und oft auch seelischen Begleiterscheinungen ist sowohl eine medizinische als auch psychologische professionelle Betreuung wichtig für einen erfolgreichen Verlauf des Entzugs. 

Eine Besonderheit ist noch die teilstationären Behandlung, auch als Tagesklinik bekannt. Betroffene verbringen hier nur den Tag in der Klinik und beringen die Nacht zu Hause. 

Die Methode des Entzuges oder der Entgiftung muss jeweils auf die entsprechende Art der Sucht angepasst werden. Dabei wird beim Entzug der Unterschied zwischen substanz-gebundener Süchten und substanzungebundenen Süchten beachtet. Warum ist das wichtig? 

Bei substanz-gebundenen Süchten wie zum Beispiel der Abhängigkeit von Alkohol, Nikotin oder harten Drogen gehen körperliche Veränderungen einher, die auch eine echte körperliche Abhängigkeit entstehen lassen, die bei einem Entzug auch körperliche Entzugserscheinung hervorrufen, welche ebenfalls behandelt oder gelindert werden müssen. Der Körper hat sich sozusagen auf die dauerhafte Zufuhr eines Giftstoffs (Alkohol, Nikoton, Drogen, etc.) eingestellt und Stoffwechselvorgänge angepasst. Bei einem Entzug erfolgt jetzt wieder eine Gegenregulation des Stoffwechsels, welcher extrem belastende körperliche Reaktionen hervorrufen kann wie zum Beispiel Schweißausbrüche, starkes

Dann gibt es noch die nicht-körperliche / seelische Abhängigkeit mit dem scheinbar unbezwingbaren Drang nach einer Substanz oder auch einer Gewohnheit / Handlung. 

Entzugserscheinungen äußern sich hier ähnlich. 

Entzugs-Anzeichen sind hier eine tiefe innere Unruhe oder Rastlosigkeit, Gereiztheit, a, depressive Verstimmungen bis hin zu Selbstmordgedanken, Schlaflosigkeit, u. a. Daneben gibt es weitere Substanz-spezifische Symptome.

Wenn stärkere Entzugs-Anzeichen bereits auftreten oder zu erwarten sind, sollte unbedingt professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden und mindestens eine ambulante Unterstützung in Anspruch genommen werden. Viele körperliche Entzugserscheinungen erfordern medikamentöse Behandlung. 

Noch wichtiger ist professionelle Hilfe, wenn starke seelische Entzugserscheinungen erwartet werden können oder bereits auftreten. Warum? Weil die Gefahr sehr hoch ist, dass der Entzug direkt in eine Depression führt, mit nicht vorhersehbarem Einfluss auf die Abhängigkeit und den Verlauf des Entzugs.

Wie kann man sich den Verlauf einer Entzugstherapie vorstellen?

Es gibt im Detail natürlich unterschiedliche Ansätze, aber dennoch kann man den Verlauf grob in folgende Phasen einteilen: 

Phase 1 – Erkenntnis, Wunsch zur Heilung und Kontaktaufnahme

Der Betroffene erkennt, dass er eine Sucht hat und entwickelt den Wunsch diese zu überwinden. Der Betroffene kontaktiert eine Anlaufstelle wie eine Beratungsstelle, seinen Hausarzt oder einen Facharzt. 

Phase 2 – der eigentliche Entzug / Entgiftung (bei Substanzen) / Entwöhnung

Nachdem ein Entzugs-Therapieplan erstellt wurde, beginnt der eigentliche Entzug, auch Entgiftung genannt. Idealerweise wird dies in einer Klinik, mindestens aber ambulant durchgeführt bzw. begleitet. Mit welcher Dauer muss man rechnen? Ein Entzug dauert in der Regel 1–3 Wochen. 

Phase 3 – die Stabilisierungsphase / Entwöhnung

Diese Phase dauert mehrere Monate (oft 2 bis 4 Monate) und wird in der Regel in einer darauf spezialisierten Klinik durchgeführt. Ziel ist, den Betroffenen mentale Stärke und neue Verhaltensmuster anzutrainieren, die einen dauerhaften Abstand von ihrer Sucht ermöglichen. Die Therapie kann auch ambulant begleitet werden. 

Ein wesentlicher Teil dieser Phase ist auch dem Betroffenen zu helfen Neues in seinem Leben zu entdecken und zu lernen bewusster zu leben. Es wird geholfen Struktur in den Tagesablauf zu bringen und versucht etwas zu finden, das den Betroffenen Freunde bringt oder ihn fordert. Hierbei ist vor allem das Ziel eine Beschäftigung oder ein Hobby zu finden, dass starke Sinneseindrücke und Ergebniseindrücke herbeiführt. Das könnte eine Sportart sein oder auch das Erlernen eines Instruments. 

Phase 4 – die Nachsorge

Bei starken Abhängigkeiten muss oft auf Lebenszeit darauf geachtet werden, ein bestimmtes Verhalten oder gewisse Substanzen total zu vermeiden, um die erfolgreiche Abgewöhnung weiter aufrechterhalten. Dies kann regelmäßige Termine bei einem Arzt, Therapeuten oder einem anderen professionellen Helfer erfordern – wie gesagt lebenslang. Viele Betroffene organisieren sich in Selbsthilfegruppen und finden dort die Unterstützung, die sie brauchen. 

Die Corona-Pandemie hatte und hat immer noch Auswirkungen auf alle Bereiche des Gesundheitswesens. Das Suchthilfe- und Behandlungssystem ist immer noch massiv von Pandemie-Maßnahmen betroffen. Viele Kliniken waren und sind in der Aufnahme von Patienten eingeschränkt. Immerhin wurden im Bundesgebiet die Anzahl von Krankenhausbetten ja insgesamt reduziert – einhergehend mit einem erhöhten Bedarf und einer größeren Last für das Gesundheitswesen im Verlauf der Pandemie. Besonders Anschlussheilbehandlungen während der Stabilisierungsphase und Nachsorge war und ist eingeschränkt bzw. von Aufnahmestopps betroffen. 

Inzwischen wurden im Bundestag aber Regelungen beschlossen, die auch wieder die Perspektive für Rehabilitationsmaßnahmen verbessern. 

Viele Verbände haben hier Appelle an die Bundesregierung und Behörden gerichtet. Das Angebot einer medizinisch betreuten Entzugs-Behandlung in psychiatrischen Kliniken und Krankenhäusern muss aufrechterhalten und allen Hilfesuchenden angeboten werden, so das Fazit.