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Bearbeitet & klinisch überprüft vom THE BALANCE Team
Fakten geprüft

Die Verhaltenstherapie EMDR – was für die englische Bezeichnung „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ steht – ist eine Therapie, mit der sich psychische Störungen durch Augenbewegungen besser verarbeiten lassen. Diese Therapie wurde durch die US-amerikanische Psychiaterin in den 1990er-Jahren entwickelt und wird vorrangig zur kurzzeitigen Behandlung von Traumata-Folgen sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern eingesetzt. Seit 2006 ist die EMDR als eine wissenschaftlich begründete Methode zur psychotherapeutischen Behandlung anerkannt.

Dieser noch recht junge Therapieansatz des „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ (EMDR) – deutsch „Augenbewegungs-Desensibilisierung und Neuverarbeitung“ – wurde zunächst in den USA entwickelt. Sie wurde anfänglich lediglich zur Behandlung von Traumata wie dem posttraumatischen Belastungssyndrom eingesetzt, mittlerweile kommt er auch bei anderen psychischen Erkrankungen zum Einsatz. Durch die EMDR-Therapie werden die Augenbewegungen beidseitig abwechselnd stimuliert, um die Aufmerksamkeit auf die Verarbeitung traumatischer oder nicht ausreichend verarbeiteten Traumata zu lenken. Schädigende Erinnerungen werden mithilfe der EMDR-Therapie noch mit gezielten Auslösereizen wiederbelegt, wobei die anschließende Modellierung des Verhaltens bei der Besserung unterstützt.

Eine EMDR muss nur in Fällen eingesetzt werden, wenn im Vorfeld Traumata erlebt wurden. Im normalen Alltag ist eine solche Therapie nicht notwendig, sie dient ausschließlich dem Abbau von negativen Gedanken und Erinnerungen. Tatsächlich haben verschiedene Studien ergeben, dass die Behandlungsdauer durch eine EMDR bei psychischen Erkrankungen um bis zu 40 Prozent verkürzt werden kann. Trotz allem ist der konkrete Wirkmechanismus im Körper nicht geklärt ist. Während einer EMDR spricht über die belastende Situation und folgt dabei der Fingerbewegung des Therapeuten. Dadurch werden beide Gehirnhälften des Patienten intensiv angeregt, sodass blockierte Erinnerungen oder nicht integrierte Gedanken an das Trauma verarbeitet, sodass es zu einer Besserung kommt.

Was ist eine Traumatherapie?

Die Behandlung mit einer EMDR eignet sich vor allem für Patienten, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden und zeigt in diesem Zusammenhang eine sehr hohe Erfolgsquote. Medizinische Untersuchungen konnten belegen, dass es durch die Therapie zu einer verbesserten Durchblutung und einer höheren Aktivität sämtlicher Hirnregionen zu bemerken ist. Dies ist ein klares Indiz dafür, dass die mittlerweile anerkannte Therapieform EMDR auch tatsächlich neurobiologische Veränderungen mit sich bringt. Durch diese Änderungen können die klassischen Beschwerden wie ein Trauma oder eine posttraumatische Belastungsstörung – der hauptsächlichen Gründe, warum eine EMDR notwendig ist, maßgeblich gebessert werden und die Ängste endlich wieder abzubauen.

Einsatzgebiete der EMDR

Dies Therapieform der EMDR eignet sich für die Verarbeitung von traumatischen Ereignissen, durch die das Leben der Betroffenen massiv eingeschränkt wird. Besonders belastende Lebenssituationen, durch die Störungen entstanden sind, können mit der EMDR behandelt werden. Dazu gehören die folgenden Krankheitsbilder:

  • posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) 
  • Auswirkungen belastender Lebenserfahrungen
  • starke Trauer nach Verlusterlebnissen
  • Folgen von Bindungstraumatisierungen 
  • Entwicklungs- und Verhaltensstörungen von Kindern
  • Depressionen
  • Angst- und Panikstörungen
  • psychophysische Erschöpfungssyndrome
  • chronische Schmerzen
  • stoffgebundene Abhängigkeit in Zusammenhang mit einer Traumafolgestörung

Diese Erkrankungen gehören zu den psychotherapeutischen Erkrankungen, die durch mithilfe einer EMDR-Therapie besser behandelt werden können. So ist es den Betroffenen möglich, ihre Lebensqualität zu steigern und sie dabei zu unterstützen, dass alles schnell verarbeitet werden kann. Dabei kann die EMDR bereits schneller als andere Therapien eine Besserung mit sich bringen.

Normale Träume und Erinnerung, die nicht belasten, werden bereits nach kurzer Zeit abgebaut. Es kommt nicht zu störenden Folgewirkungen, die sowohl die Lebensqualität als auch den Alltag der Betroffenen erheblich einschränken. Traumatische Erinnerungen hingegen können nicht reibungslos verarbeitet werden, die Erinnerungsstücke – wie Gefühle, Sinneseindrücke oder Erinnerungen – können weder inhaltlich noch zeitlich eingeordnet werden. Außerdem werden traumatische Erfahrungen so abgespeichert, dass ein sofortiger Zugriff darauf möglich ist, falls die aktuelle Situation der durchlebten traumatischen Situation sehr ähnlich ist und Patienten sich daran erinnern.

Wer seine negativen Gefühle und Einstellungen ins Positive wenden möchte, kann dieses Ziel mit der EMDR erreichen. Diese psychotherapeutische Therapieform tragen dazu bei, dass alte Informationen, die mit dem Trauma in Verbindung stehen oder dies sogar verursacht haben, neu verarbeitet werden. Zusätzlich können Fehlanpassungen wie Vermeidungsverhalten oder eine zu starke Kompensation überwunden werden. Durch die Anwendung der EMDR verlierend die belastenden Erinnerungen ihre beengende und emotionalen Charakter. Durch die Therapie klingt die hohe Emotionalität langsam ab und werden durch ein angenehmeres Verhalten ersetzt.

Bei der EMDR-Therapie ist das Kernelement für die Verarbeitung von Belastungen, die die Erinnerungen an traumatische Erlebnisse. Der Gehirn funktioniert nach einer Art Schubladenprinzip, denn sie werden im Gedächtnis gespeichert und mit anderen Inhalten verknüpft. Durch Auslösereize, die an das Trauma erinnern – wie Gerüche, Geräusche oder Berührungen – haben viele Betroffene das Gefühl, dass sie wieder eine traumatische Situation durchleben. Dadurch lassen sich körperliche Reaktionen – z.B. Atemnot oder Herzrasen – sowie psychische Belastungen – wie Ängste und Hilflosigkeit – verhindern. 

Eine therapeutische Sitzung, die durchgeführt wird, kann durchaus mit einer Zugreise verglichen werden. Die Therapierten 

  1. bewegen sich noch einmal in Gedanken an die gefährliche Situation heran
  2. lassen belastende Situation mit Unterstützung des Therapeuten Revue passieren
  3. beschäftigen sich mit ihrem jetzigen Zustand

Auf diese Weise können belastende Blockaden gelöst werden, wobei zur Erreichung dieses Zieles nicht nur eine Sitzung allein, sondern mehrere Sitzungen benötigt werden. 

Im Verlauf der Therapie verblassen die traumatischen Erinnerungen und belastenden Situationen immer mehr, sodass sich die Patienten von ihren Ängsten und Traumata befreien können. So ist es möglich, dass Patienten neue Perspektiven für ihr Leben umsetzen können.

Die EMDR-Therapie wirkt vorrangig gegen posttraumatische Belastungsstörungen und Traumata. In diesen Bereichen der Weltgesundheitsorganisation als eine passende Behandlungsform anerkannt. Dabei gibt es bei der Nutzung sowohl Vor- als auch Nachteile, die bei der Anwendung dieser Therapieform auftreten können:

  • Der größte Vorteil für Traumata-Patienten liegt darin, dass die Behandlungsdauer wesentlich kürzer ist und den Patienten weniger belasten. Die EMDR-Behandlung ist um 40 Prozent verkürzt, sodass es den Patienten schnell wieder besser geht.
  • Der größte Nachteil liegt darin, dass die EMDR-Therapie von Zeit zu Zeit zu einer steigenden Belastung führen kann. So können die nicht verarbeiteten Erinnerungen immer wieder auftreten, auch die Wahrnehmung von teils extremen Gefühlen ist möglich.

Zusätzlich sollte erwähnt werden, dass die Trauma-Patienten sowohl tagsüber als auch nachts mit ihren belastenden Gefühlen umgehen müssen. Diese Träume, Erinnerungen und Gefühle können dazu beitragen, dass sich die Patienten bereits nach kurzer Zeit wieder besser mit ihren belastenden Gedanken umgehen lernen.

Die EMDR-Therapie setzt an den Nervenbahnen des Gehirns an und stimuliert beide Gehirnhälften. Durch diesen Vorgang werden die traumatischen Vorgänge werden die Erinnerungen, die noch immer störend auf den Organismus wirken, eingefroren. Die EMDR wird eingesetzt, um diese Erinnerungen wieder zu lösen. Das Ziel liegt darin, die starren Erinnerungen mithilfe eines achtstufigen Prozesses aufarbeiten und Blockaden lösen zu können: 

  1. PLANUNG UND ANAMNESE

Am Anfang steht eine genaue Erfassung der Krankengeschichte. Wenn die Behandlung Erfolg verspricht und auch eine Verträglichkeit dieses therapeutischen Ansatzes bewiesen werden konnte, wird ein Behandlungsplan entwickelt, während der das Verarbeiten traumatischer Erinnerungen und anderer Traumafolgen zu bekämpfen.

  1. VORBEREITUNG DES PATIENTEN

Wurde festgestellt, dass Verträglichkeit gegeben ist, wird der Patient über sämtliche Aspekte der Behandlung aufgeklärt. Neben der EMDR können – zur Unterstützung oder zur besseren Anwendung – können auch durch die Gabe von Medikamenten oder mithilfe von begleitenden Therapien wie eine Entspannungstherapie.

  1. BEWERTUNG VON ERINNERUNGEN

Während dieser Phase müssen die belastenden Erinnerungen durch eine Konfrontation der Sinne, Erregungen oder eine kognitive Verhaltenstherapie wieder herausgekitzelt werden. Dadurch erhalten die Patienten den vollen Zugang zu ihren traumatischen Erinnerungen und können, um das durchlebte Trauma besser zu verarbeiten.

  1. DURCHARBEITUNG DER THERAPIE

Nun verarbeitet der Patient seine Erinnerungen neu, indem er sie wieder durchlebt. Relevant ist die Erinnerung an markante Bilder, Eindrücke sowie negative Gedankenmuster, die durch die traumatische Situation hervorgerufen wurden. Der Patient konzentriert sich auf die Erinnerungen, die er durchlebt hat, reizen die Therapeuten die Sinne.

  1. VERANKERUNG

Haben sich die negativen Belastungen Schritt für Schritt zurückentwickelt und die positive Wahrnehmung gestärkt, muss der Patient erlernen, auf welche Weise er seine negativen Gedanken, Einstellungen und Meinungen ins Positive wenden kann. Während dieser Phase können negative Symptome durch die zweiseitige Stimulation abgeschwächt werden.

  1. KÖRPERLICHER TEST

Nun wird ein Test durchgeführt, um herauszufinden, ob sich wahrnehmende Fragmente der Erinnerung zeigen. Der Patient spricht über seine positive Selbstüberzeugung. Zusätzlich dazu hört der Patient in sich hinein und erzählt seinem Therapeuten über die Empfindungen, die er während dieser Phase verspürt. Gibt es noch belastende Erinnerungen, werden sie erneut bearbeitet. 

  1. ABSCHLUSS

Bei der Beendigung der Therapie wird darüber gesprochen, welche Auswirkungen diese Therapie auf die Gefühle und Erinnerungen des Patienten hat. Dies ist wichtig, damit die Behandlungsprozess auch für einen längeren Zeitraum hinweg angewendet werden kann. Dies ist besonders in den Fällen sinnvoll, wenn die gewünschte Besserung nicht eingetreten ist.

  1. NACHBEFRAGUNG DER BEHANDELTEN

Während dieser Phase werden die Patienten zu der zuletzt abgelaufenen Therapiesitze. Es geht in diesem Fall darum, mögliche Erinnerungen an die durchgeführte Stunde hervorzurufen. Auch Träume konnten durchlebt worden sein und sie müssen gemeinsam mit dem Therapeuten erneut bearbeitet und geklärt werden.

Noch bevor die Therapie tatsächlich begonnen wird, sollte der Patient Stabilisierungstechniken üben, damit beim erneuten Auftritt von angstmachenden Situationen das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Dies erleichtert die Therapie und trägt dazu bei, dass es nicht zu problematischen Gefühlen kommen kann.

Auch wenn die Therapie eine gut akzeptierte, wirkungsvolle Form ist, sollten die Therapierten sich dennoch beobachten. Konkret geht es darum, dass die Patienten die Besserungen seiner psychischen Gesundheit feststellen sollen. Bei einer erfolgreichen Therapie

  • bewältigen Patienten den Alltag besser
  • können sie wieder schlafen
  • lernen sie, mit ihren alten Erinnerungen und Gedanken umzugehen
  • entwickeln sie eine neue, passende Perspektive auf das aktuelle Geschehen

Dabei sollten die Patienten jedoch nicht zu ungeduldig sein, denn eine Besserung wird sicherlich nicht nach ein oder zwei Sitzungen eintreten. Auch die ständig geringer werdende Intensität der Symptome deuten darauf hin, dass EMDR als Therapie geeignet ist.

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