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Bearbeitet & klinisch überprüft vom THE BALANCE Team
Fakten geprüft

Derzeit gibt es für die meisten Fälle von chronischem Tinnitus keine wissenschaftlich nachgewiesene Heilung. Dies gilt insbesondere für die überwiegende Mehrheit der Fälle, die durch sensorineuralen Hörverlust verursacht werden. Die Suche nach einem endgültigen Heilmittel zur Tinnitus-Therapie ist im Gange und es werden echte Fortschritte erzielt, aber es gibt derzeit keinen klinisch erprobten Weg, um die Wahrnehmung von Tinnitus vollständig zu unterbinden.

Es gibt jedoch hervorragende Maßnahmen und Hilfsmittel, um Patienten bei der Bewältigung ihrer Erkrankung bzw. bei der Verringerung der wahrgenommenen Belastung durch Tinnitus zu unterstützen, damit die Betroffenen ein angenehmeres und zufriedeneres Leben führen können. Dies sind in erster Linie Behandlungen, welche die wahrgenommene Intensität, Dauerpräsenz und Belastung durch Tinnitus reduzieren. 

Wir berichten in diesem Artikel alles Wichtige über die derzeit verfügbaren Möglichkeiten zur Tinnitus-Behandlung. 

Tinnitus ist der lateinische Begriff für “Klingeln” und somit die Bezeichnung für Hörgeräusche, die nicht von der Außenwelt verursacht werden. In vielen Fällen handelt es sich bei Tinnitus um eine Hörstörung, die bewirkt, dass dem Gehirn zu wenige akustische Informationen übermittelt werden. Unser Gehirn versucht dies zu kompensieren, indem es das Defizit mit einem intern erzeugten Signal ausgleicht.

Die primären und sekundären Tinnitus – Symptome sind:

  • Primäre Symptome: Klingeln, Summen, Rauschen, Brummen, Zischen, Pochen oder Pfeifen
  • Sekundäre Symptome: Schlafstörung, Depression

Patienten können das Ohrenpfeifen auf einem oder beiden Ohren bzw. auch nur im Kopf hören. Die Geräusche kommen und gehen oder sind permanent da. Es gibt zwei Arten von Tinnitus:

Akuter Tinnitus

Es kann durchaus normal sein, dass gelegentliches Ohrenpfeifen vorkommt. Viele Menschen kennen es, wenn man beispielsweise bei einem Konzert zu nahe am Lautsprecher gestanden ist und plötzlich einen internen Pfeifton hört, der dann nach einer Weile wieder vergeht. 

Wenn akute Ohrgeräusche länger als 1–2 Tage andauern, dann sollte ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt aufgesucht werden. Ein akuter Tinnitus ist zwar kein Notfall, aber ein Eilfall. Die Ursache sollte rasch fachärztlich abgeklärt werden, damit kein chronischer Tinnitus entsteht. Von akutem Tinnitus spricht man, wenn die Geräusche weniger als 3 Monate bestehen bleiben. 

Chronischer Tinnitus

Bestehen die Ohrgeräusche über einen Zeitraum von 3 Monaten und länger hinweg, dann hat sich der akute in einen chronischen Tinnitus umgewandelt, der wahrscheinlich über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben wird. Bei vielen Menschen ist die Wahrnehmung der andauernden Pfeiftöne nicht stark ausgeprägt und sie stören den Tagesablauf nicht. Es gibt jedoch Menschen, welche die Geräusche so stark wahrnehmen, dass sie unbedingt etwas unternehmen müssen.

Es ist nicht immer klar, was Tinnitus verursacht, chronischer Tinnitus ist jedoch oft mit den folgenden Krankheiten bzw. Störungen verbunden:

  • Jeglicher Form von Hörverlust, darunter Tinnitus nach Hörsturz oder Lärmschäden durch ein Knall- bzw. Explosionstrauma
  • Morbus Menière
  • Erkrankungen, wie Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen oder Multiple Sklerose
  • Stress, Angst oder Depression
  • Einnahme bestimmter Medikamente – Tinnitus kann eine Nebenwirkung einiger Chemotherapeutika, Antibiotika, nichtsteroidaler Antiphlogistika und Aspirin sein
  • Drehschwindel
  • Dysfunktion des Kiefergelenks und andere Zahnerkrankungen

Es gibt viele Fälle, bei denen chronischer Tinnitus geheilt wurde – sei es, dass er von selbst abgeheilt ist oder dass die symptomatischen Medikamente und die gesündere Lebensweise dazu beigetragen haben, dass das Ohrsummen von heute auf morgen abgeklungen ist. 

Laut medizinischer Statistik gibt es bis dato jedoch noch keine direkte Medizin für das Ohrenleiden, daher gilt: Tinnitus heilen kann man nicht direkt, Tinnitus behandeln schon. Weder die zugrundeliegenden Ursachen werden durch die Tinnitus-Therapie angegangen, noch das Tinnitus-Signal im Gehirn unterbunden.

Viele Menschen fragen sich: “Was hilft bei Tinnitus wirklich”? Die aktuellen Maßnahmen und Hilfsmittel zur Tinnitus-Behandlung befassen sich mit den aufmerksamkeitsbezogenen, emotionalen und kognitiven Auswirkungen von Tinnitus. Sie unterstützen die Patienten dabei, ein besseres, erfüllteres und produktiveres Leben zu führen, auch wenn die Wahrnehmung von Tinnitus bestehen bleibt. Jeder Patientenfall ist jedoch individuell zu betrachten. Laut medizinischer Statistik geht es darum, dass die Patienten die Intensität der Geräusche nicht mehr wahrnehmen.

Ebenso werden mit den effektivsten Behandlungen die Tinnitus-Auswirkungen behandelt, die den Patienten am meisten belasten: 

  • Angst
  • Stress
  • Soziale Isolation
  • Geräuschempfindlichkeit
  • Hörprobleme 

Welche Medikamente werden eingesetzt?

Tinnitus behandeln kann man mit Medikamenten, die je nach Beschwerden und Ursachen zur Tinnitus-Therapie eingesetzt werden:

Spasmolytika (krampflösende Arzneimittel), Vasodilatatoren (Medikamente zur Erweiterung der Blutgefäße), Kortikosteroide (Kortison und andere Hormone), Antikonvulsiva (Epilepsie-Medikamente), Lidocain (Betäubungsmittel), Benzodiazepine (Beruhigungsmittel) und Ginkgo-Biloba-Präparate (siehe Nahrungsergänzung).

Tinnitus behandeln kann man in der Regel durch den Einsatz von mehreren Maßnahmen:

Tinnitus-Counselling zur Aufklärung und Hörberatung

Wenn die Ohrgeräusche den Patienten sehr stark beeinträchtigen, etwa weil er sich gerade in einer schwierigen Lebenskrise befindet, ist es sinnvoll, ein klärendes Gespräch zur Bedeutung des Tinnitus mit einem HNO-Arzt oder einem Facharzt für Psychosomatik oder Psychotherapie zu führen. 

Es werden Möglichkeiten erarbeitet, wie dieser am besten mit den Ohrgeräuschen im Alltag umgeht und was ihn bestmöglich von ihnen ablenken kann.

Gehörschutz

Viele Patienten, insbesondere diejenigen mit extremer Geräuschempfindlichkeit, finden durch die Verwendung eines individuellen Gehörschutzes Erleichterung. Rauschgeräte zur Tinnitus-Behandlung stellt ein Hörgeräteakustiker passend ein. Ohrenschützer und Ohrstöpsel können vor schmerzhaften Geräuschen und zukünftigen Schäden am Gehörsystem schützen. Zu bedenken gilt jedoch, dass diese Produkte externe Umgebungsgeräusche dämpfen und die Betroffenen daher möglicherweise ihren Tinnitus lauter wahrnehmen können, wenn sie einen Gehörschutz tragen. 

Stressreduzierung

Tinnitus-Stress-Heilung: Einige der oben aufgeführten Optionen haben den Vorteil, Stress abzubauen. Im Allgemeinen kann jede Aktivität, die Stress abbaut, auch die Intensität von Tinnitus-Symptomen verringern. Zusätzlich zu Ernährung, Bewegung und Geselligkeit können Patienten weitere Wege zur Entspannung erkunden, einschließlich Meditation, Yoga und autogenes Training.

Biofeedback

Biofeedback ist eine Entspannungstechnik, die Patienten beibringt, bestimmte autonome Körperfunktionen wie Puls, Muskelspannung und Hauttemperatur zu kontrollieren. Das Ziel von Biofeedback ist es, Menschen dabei zu helfen, Stress und Angst zu bewältigen, indem die Reaktion des Körpers auf diese negativen Einflüsse verändert wird. Biofeedback wird für eine Vielzahl unterschiedlicher chronischer Erkrankungen eingesetzt. Viele Tinnitus-Patienten bemerken eine Verringerung der Symptome, wenn sie in der Lage sind, Stress zu kontrollieren.

Hypnotherapie

Es hat sich gezeigt, dass Hypnose die Entspannung fördern und Ängste reduzieren kann. Neuronale Verbindungen zwischen Bereichen des Gehirns können unter Umständen verändert werden. Daher wird diese Methode oft von Heilpraktikern oder modernen Ärzten als alternative Heilmethode für Patienten mit Tinnitus empfohlen.

Allgemeines Wohlbefinden steigern 

Alle Betroffenen, die wissen, dass es keine direkte Medizin zur Heilung von chronischem Tinnitus gibt, fragen sich: “Was tun bei Tinnitus?”. Es gibt einfache Dinge, die Patienten tun können, um die Belastung durch die internen Ohrgeräusche zu verringern. 

Das allgemeine Wohlbefinden hat zwar keinen direkten Einfluss auf die Ursachen oder die Biologie von Tinnitus, kann jedoch starke Vorteile bieten, die das Leben mit Tinnitus viel einfacher machen. Die wahrgenommene Intensität des Tinnitus kann in Abhängigkeit von vielen Faktoren variieren und das allgemeine Wohlbefinden des Patienten ist ein wichtiger Bestandteil für die Tinnitus-Behandlung. 

Tinnitus behandeln mit richtiger Ernährung

Es gibt nur wenige Beweise, die bestimmte Lebensmittel (oder den Ausschluss bestimmter Lebensmittel) direkt mit einer Verbesserung der Tinnitus-Symptome in Verbindung bringen. Es steht jedoch außer Frage, dass eine gesunde Ernährung unzählige positive Auswirkungen auf den Körper hat, die die Symptome von Tinnitus verringern können. 

  • Vollwertkost: Eine gesundheitsbewusste Ernährung kann Bluthochdruck und Gewicht reduzieren, die Durchblutung ankurbeln, das Energieniveau erhöhen und das emotionale Wohlbefinden verbessern – all dies kann Tinnitus-Patienten zugutekommen.
  • Salzarme Kost: Es wird empfohlen, bei Tinnitus eine salzarme Ernährung anzustreben, da laut medizinischer Statistik eine sehr starke Verbindung zwischen Salzkonsum und der Menière-Krankheit besteht. Morbus Menière ist eine seltene Erkrankung des Hör- und Gleichgewichtsorgans, bei der Tinnitus eines der Symptome darstellt.
  • Koffein: Ein ernährungsbedingtes Tinnitus-Problem, das viel diskutiert wird, ist der Konsum von Koffein. Es gibt nur sehr wenige wissenschaftliche Beweise dafür, dass Koffein Tinnitus-Symptome verschlimmert. Abgesehen davon sollten Tinnitus-Patienten ihre eigenen Erfahrungen mit Koffein verfolgen und sich entsprechend anpassen. Wenn Koffein Ihren Tinnitus deutlich zu verstärken scheint, sollten Sie den Konsum reduzieren. Wenn Koffein keine Wirkung hat und/oder ein angenehmer Teil Ihres Tagesablaufs ist, dann können Sie den Konsum wie gewohnt fortsetzen. 
  • Allergisch-immunologische Reaktion auf Lebensmittel: Bei Verstärkung der Ohrgeräusche durch z. B. Alkohol, bestimmte Weinsorten, Käse oder Nüsse sollte bedacht werden, dass eventuell eine allergisch-immunologische Reaktion vorliegt. Dies sollte mit einem Dermatologen oder Allergologen abgeklärt werden.
  • Kaltgepresste Speiseöle: Gute Fette bzw. ungesättigte Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren) wirken entzündungshemmend und verbessern die Gehirntätigkeit. Sie sind zu finden in Fisch (Hering, Lachs, Makrele, Rotbarsch und Thunfisch), Fleisch und nativem Oliven-, Avocado-, Sonnenblumen- oder Traubenkernöl. 

Nahrungsergänzungsmittel

  • Ginkgo Biloba: Dieses Nahrungsergänzungsmittel zur Durchblutungsverbesserung im Gehirn verringert zwar nicht die Lautstärke der Ohrgeräusche, das Extrakt des Ginkgo-Baumes zählt jedoch zu den meist verordneten, frei verkäuflichen Medikamenten, weil durch die Einnahme eine Verringerung der Gesamtbelastung festgestellt wurde.
  • Omega-3-Fettsäuren: Sie wirken entzündungshemmend und blutverdünnend. 
  • Magnesium: Laut medizinischer Statistik wurde sowohl bei Patienten mit akutem als auch mit chronischem Tinnitus festgestellt, dass diese an Magnesiummangel leiden. Daher ist die zusätzliche Einnahme von Magnesium bei Tinnitus angeraten.

Sport und Bewegung

Bewegung ist nicht nur gut für den Körper, sie ist auch gut für Ihr emotionales Wohlbefinden und kann dazu beitragen, die Belastung durch Tinnitus zu minimieren. Das Ausüben von Sport reduziert Stress, ein bekannter Auslöser für Tinnitus. Die Bewegung sollte idealerweise in der Natur an der frischen Luft erfolgen, damit der Körper zusätzlich frischen Sauerstoff bekommt. 

Soziale Aktivitäten

Viele Tinnitus-Patienten berichten von Gefühlen sozialer Isolation aufgrund von Schwierigkeiten bei der zwischenmenschlichen Kommunikation, Geräuschempfindlichkeit und/oder Reizbarkeit. Wenn sich die Betroffenen vom sozialen Leben entfernen, entsteht möglicherweise ein Kreislauf negativer Verstärkungen, die Tinnitus zu einem noch größeren Problem machen können. Die Isolation kann nämlich dazu führen, dass sich die Patienten mehr auf ihren Tinnitus konzentrieren, was dann die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sich dieser weiter verstärkt.

Die Interaktion mit Freunden, Familie und Gleichaltrigen können Patienten positiv von ihren Tinnitus-Symptomen ablenken. Der soziale Austausch kann zu emotionalem Wohlbefinden, allgemeiner Zufriedenheit und mehr Optimismus beitragen. 

Freizeitaktivitäten und Hobbys

Einige Patienten glauben, dass Tinnitus bedeutet, Hobbies und Aktivitäten aufgeben zu müssen. Das ist absolut nicht der Fall. Patienten können und sollten Aktivitäten fortsetzen, die sie glücklich machen und die positive Ablenkung von der Tinnitus-Beschäftigung bieten.

Einige Aktivitäten können sogar den Vorteil bieten, dass sie das Tinnitus-Geräusch direkt überdecken. Viele Radfahrer berichten beispielsweise, dass das Geräusch des Windes, der während der Fahrt an ihren Ohren vorbeizieht, die Tinnitus-Wahrnehmung effektiv überdeckt. 

Tinnitus-Patienten sollten bei der Wahl bedenken, ob Aktivitäten, die mit lauten Geräuschen verbunden sind, ideal sind. Eventuell sollten sie sich bezüglich eines geeigneten Gehörschutzes für diese Aktivitäten an einen Hörakustiker wenden.